“Nichts als Verzweiflung kann uns retten”

Uraufführung von “Robert S. oder: fünf Verhinderungen, über Kunst nachzudenken” im Alten Malersaal

Kostümparty im Alten Malersaal. Szene aus "Robert S.". Foto: Thilo Beu

 BONN. Den Grundton gibt Theodor W. Adorno an. Aus dem Off hört man den Philosophen, wie er mit seinem typischen Rededuktus über die Mechanismen der von ihm scharf kritisierten „Kulturindustrie“ räsonniert. Im Alten Malersaal nimmt das Publikum derweil seine Plätze ein. Regisseur Michael von zur Mühlen und Ausstatter Christoph Ernst haben ihn Mischung aus Haushaltswarenlager und Requisitenkammer gestaltet, man blickt auf Bügeleisen, Kaffeekannen, Abfalleimer, Plastikpuppen. Doch zuvor müssen die Besucher zwei Schleusen durchschreiten. Zunächst geht es durch eine Reihenhaus-Eingangstür, über sauber gefliesten Boden vorbei am Standard-Briefkasten und Standard-Zeitungsbox aus dem Baumarkt. Dann folgt ein Zeitsprung in ein biedermeierliches Kabinett der Schumannzeit. Am Boden liegende Gliederpuppen lösen eine Art David-Lynch-Gruseln aus, bevor man die Tür zum eigentlichen Spielort öffnet. Die Aufführung hat also längst begonnen, bevor Wolfgang Lischke am Pult eines mit Mitgliedern des Beethovenorchesters besetzten Kammerensembles seinen ersten Einsatz gibt. Es folgen fünf rund 15-minütige Akte, in denen Stationen des Lebens von Robert Schumann beleuchtet werden, in Gestalt einer (quer zur Biographie stehenden) Reise zu den Schumannstädten Leipzig, Düsseldorf, Zwickau, Bonn, Dresden.

Geschrieben haben die Akte Karola Obermüller, Georg Katzer, Annette Schlünz, Peter Gilbert und Sergej Newski. Jeder dieser Teile trägt also eine andere kompositorische Handschrift, was die Produktion zumindest in musikalischer Hinsicht  reizvoll und interessant macht. Wolfgang Lischke, lange Jahre Erster Kapellmeister der Bonner Oper und ein ausgewiesener Experte in Sachen zeitgenössische Musik, verhalf den unterschiedlichen Musiksprachen zu eindringlicher Wirkung. Das Libretto zu der Produktion, die im Rahmen von „Bonn Chance!“ und als Beitrag zum Schumannfest aufgeführt wurde, schrieb Klaus Angermann ursprünglich für das Leipziger Projekt „Flügelschlag-Variationen“. Er verwendet für die Gesangspartien originale Schumann-Zitate und wollte den wortkargen Schumann als Tänzer auftreten lassen.

Regisseur Michael von zur Mühlen hat daraus eine, bisweilen reichlich kopflastige, aber auch skurrile und groteske, zum Teil abenteuerlich überdrehte (und die Musik erschlagende) Performance gemacht. Die kreist um nichts Geringeres als um die Frage, ob Kreativität heute noch möglich ist oder nicht vielleicht Spießbürgerlichkeit den einzigen Ausweg bietet. Statt einem Tänzer tritt der selbsternannte „Essayist“ Julian Blaue als „Robert S.“ in Erscheinung und lässt das Publikum an seinen mäandernden, mal erhellenden, mal ermüdenden Gedankenspielen teilnehmen. Zu Beginn schneiden sich die Protagonisten (Plastik)ohren ab, Friedrich Wieck, Vater von Clara Schumann, trägt einen Indianer-Kopfschmuck und setzt ein romantisches Feuer (aus Plastik) in Gang, seine Tochter ist Gitarre-spielendes Countrygirl, die irgendwann auch eine Kettensäge bedienen darf. Florestan und Eusebius geben sich vergnügt mit Sonnenhut.

Alles an diesem Abend steht gewissermaßen in Anführungszeichen, nichts ist so gemeint wie gespielt, natürlich auch die wüste Orgasmus- und Onanier-Szene nicht, in der sich die Männer ihre Finger an Riesenpenissen wund reiben. Dem Gesangsquartett (Hanna Dora Sturludóttir, Mezzosopran, Roland  Schneider, Altus, Nicholas Isherwood, Bassbariton, und Andrew Zimmermann, Tenor) wird also einiges an gymnastischer  Arbeit abverlangt, was den eindrucksvollen musikalischen Leistungen keinen Abbruch tut. „Diese Aufführung ist Teil der Kreativwirtschaft“, verkündet Julian Blaue. Dem Geist des Kapitalismus kann nichts entfliehen. Das argwöhnte schon Adorno. Wie hört man ihn sagen, bevor der erste Ton erklingt: „Denn nichts als Verzweiflung kann uns retten.“ Weitere Aufführungen am 13. und 16. November.

Wenn es Nacht wird

Musik und Dichtung zum Thema “dunkel” im Dialograum St. Helena

BONN. Dem weiten Assoziationsfeld um den Begriff der Dunkelheit widmete sich die jüngste Ausgabe der Reihe „WortKlangRaum“ im Dialograum St. Helena. Die Nacht schärft die Sinne, weckt die Phantasie, aber auch Ängste, wirft den Menschen auf sich selbst zurück, verleitet zu quälenden Gedanken, ruft Todesahnungen herbei, schafft aber auch Konzentration. Der Philosoph Hans Blumenberg arbeitete bekanntlich nachts.

Für den  Komponisten Heinz Holliger klingt die Nacht vielgestaltig. In „Elis – Drei Nachtstücke für Klavier“ hört man lange, tiefe Töne, Polterndes, aber auch glitzerndes Funkeln und Klänge der Ruhe und Einfachheit. Die Pianistin Susanne Kessel spielte mit fabelhafter Intensität, empfahl sich an diesem Abend überhaupt wieder einmal als herausragende Interpretin zeitgenössischer Musik. Paul Hindemiths „Nachtstück“ aus seiner „Suite 1922“ wurde da ebenso zum packenden Ereignis wie Helmut Lachenmanns „Guero“ zur subtilen Geräuschstudie. Mit ihr konnte man sich dem meditativen Klangrausch von Olivier Messiaens „Regard de la Croix“ hingeben, den „Oiseaux tristes“ von Maurice Ravel lauschen, den beinah impressionistischen Klängen des „Winter“ von John Cage oder den schonungslos heftigen Clusterattacken in der 6. Sonate von Galina Ustvolskaja.

Dazwischen las Mark Weigel mit großartiger Intensität Dichtung, die immer neue Facetten des Kernbegriffs „dunkel“ aufdeckte. Die Nacht ist auch das Reich des Vergessens, lernte man mit Apollinaire (in „Immerfort“), kann aber auch, wie für Novalis, Objekt einer wahren „Nachtbegeisterung“ werden. Und, vorzugsweise nach Mitternacht, begegnet mancher dem Teufel – wie etwa Dostojewskis Iwan Fjodorowitsch. Schlussstück war das „Leise Gespräch mit dem Teufel“ von György Kurtág. „Führen Sie das Gespräch mit dem Teufel weiter“, empfahl der Komponist Michael Denhoff, der den Abend konzipiert hatte. Wehe, wem es ein Selbstgespräch wird. Nächstes Konzert der Reihe “WortKlangRaum” am Mittwoch, 7. Dezember.  Mehr Infos unter www.denhoff.de.

Der “Dialograum” ist ebenfalls Schauplatz einer Reihe von Veranstaltungen (Kunst, Musik, Theater, Literatur, Diskussion), die den Titel trägt “Das Sakrament des großen Büffels – Gesichter der Macht”. Die Veranstaltungsreihe erstreckt sich über den November, Beginn ist am Freitag, 4. November, um 20 Uhr mit einem Theaterabend des Fringe Ensembles. Aufgeführt wird “Der Großinquisitor” von Dostojewski in der Fassung von Lothar Kittstein.

8. November: Klänge fangen

Düsseldorfer “Soundstormers” waren auf Klangexkursion 

KÖLN. Auf zur Klangexpedition. Die Ausrüstung: Mikrophon, Aufnahmegerät und offene Ohren. Damit begaben sich Studierende des Instituts für Musik und Medien an der Robert-Schumann-Musikhochschule in Düsseldorf auf einen zweitägigen „Soundwalk“, der sie von Düsseldorf nach Köln führte – am  Rhein entlang. Dort sammelte die Gruppe, die sich „Soundstormers“ nennt, im Juni 2011 akustisches Schwemmgut, Fundstücke aus dem Reich des Hörbaren. In einer Performance werden die Ergebnisse am Dienstag, 8. November, im Wohnzimmer-Klubtheater „die wohngemeinschaft“, 50674 Köln, Richard-Wagner-Str. 39, präsentiert. Beginn ist um 20.30 Uhr, der Eintritt beträgt 6 Euro. Die Veranstaltung bildet den Auftakt zu einer neuen Reihe (immer am 2. Dienstag eines Monats), die Nachwuchskünstlern  aus der Region vorbehalten ist. Vorgestellt werden kaum bekannte Positionen hybrider, spartenübergreifender Künste (experimentelle audio-visuelle Musikprojekte, Neues Musiktheater, Tanz, Performance, Film, Literatur). Mehr Infos unter www.gerngesehen.de.

“TG” Bonn: 10.000 Theaterverrückte

Festakt zum 60-jährigen Bestehen der  ”Theatergemeinde Bonn”

BONN. Das Schild, als große Projektion auf eine rückwärtige Leinwand geworfen, schien den fünfziger Jahren zu entstammen. „60 Jahre TG“ war darauf zu lesen, und es verströmte die leicht nostalgische Aura von emaillierten Werbeschildern der bundesrepublikanischen Wirtschaftswunderära.

Beim Festakt in der Oper zum 60-jährigen Bestehen der Theatergemeinde Bonn“, in Insiderkreisen einfach „TG“ genannt, kokettierte der Kulturverein ein wenig mit seinem Image. Theater- und Opernbegeisterte, die sich einem Verein anschließen und diesem oftmals für Jahrzehnte treu bleiben: ein antiquiertes Modell, könnte man denken. Doch mehr als 10.000 Mitglieder, davon immerhin rund 1000 unter 27 Jahre alt,  sprechen eine andere Sprache. Und Klaus Weise, Intendant des Bonner Theaters, weiß ganz genau, was er und sein Haus der „TG“ verdanken – die so wichtige „Stammkundschaft“ nämlich, Theaterverrückte, für die das Geschehen auf der Bühne zum Teil ihres Lebens geworden ist.

Die Theatergemeinde sei „Amalgam, Kitt, Pattex“, das Bindemittel also zwischen dem Theater und seinem Publikum, sagte Weise in seinem Grußwort. Sympathie ließ er erkennen für die Verwandtschaft zwischen „Gemeinde“ und „Kirchengemeinde“. Hier wie dort Sinnsuche, die man nicht allein betreibt. Dass dem mit TG-Mitgliedern und allerlei Prominenz aus Politik, Kulturinstitutionen und befreundeten Kulturvereinen vollbesetzten Haus kein steifer Festakt geboten werden sollte, ließ die Eröffnungsmusik ahnen – die Ouvertüre zu Mozarts „Hochzeit des Figaro“, gespielt vom Beethovenorchester unter Christopher Sprenger. Danach „Überraschungsgäste“: zwei Vorstandsmitglieder des „Heimatvereins Rhenania“ alias Norbert Alich und Rainer Pause. Continue reading “TG” Bonn: 10.000 Theaterverrückte →

Ausstellung: Die Kunst der Widmung

Freundschaftsgabe oder Kalkül?: Ausstellung im Beethovenhaus zum Thema “Widmungen”

BONN. George Augustus Polgreen Bridgetower, zu seiner Zeit ein berühmter Geigenvirtuose, wäre heute vollkommen vergessen, wenn Ludwig van Beethoven ihm nicht die bekannte „Kreutzer“-Sonate gewidmet hätte. Das ist nicht so falsch, wie man zunächst denken könnte. Natürlich hat Beethoven die Violinsonate op. 47 dem Geigenvirtuosen Rudolph Kreutzer zugeeignet. Ursprünglich jedoch gedachte er sie Bridgetower zu widmen, den er „als einen sehr geschickten und seines Instruments ganz mächtigen Virtuosen“ schätzte. Ein Manuskript einer (früheren) Fassung der Violinsonate trägt denn auch die handschriftliche Widmung Beethovens: „Sonata mulattica composta per il Mulatto Brischdauer gran pazzo e compositore mulattico“. Neben seinem Spiel sorgte Bridgetower durch sein für damalige Verhältnisse exotisches Äußeres für Aufsehen. Er war der Sohn eines farbigen Vaters und einer europäischen Mutter. Daher die Bezeichnung „mulattica“. Von gerissenen Konzertveranstaltern wurde Bridgetower da gerne mal als „Sohn eines afrikanischen Fürsten“ vermarktet.

Das Manuskript mit dieser Widmung ist jetzt in einer Ausstellung im Beethovenhaus zu sehen, die den Titel „Freundschaftsgabe oder Kalkül?“ trägt. Im Mittelpunkt stehen verschiedene Spielarten von Widmungen bei Ludwig van Beethoven. Unterschiedliche Motive waren bei der Wahl von Widmungsträgern im Spiel: der Dank an einen Mäzen (mit Blick auf weitere Förderung), der Beweis der Zuneigung zu einem Freund oder einer Freundin, die Wertschätzung von Schülern oder Interpreten, die Hommage an eine große Persönlichkeit (wie im Fall der „Eroica“). In der Person von Erzherzog Rudolph von Österreich kamen Mäzenatentum und freundschaftliche Nähe zusammen: ihm widmete Beethoven nicht weniger als vierzehn Werke, darunter die Klaviersonate „Les adieux“. Mit ihr ging Beethoven über eine reine Widmung allerdings weit hinaus und porträtierte darin mit „Lebewohl, Abwesenheit und Wiedersehen“ seinen Seelenzustand während der Abwesenheit Rudolphs. Der floh 1809/10 wegen der französischen Besatzung für neun Monate aus Wien.

Die Ausstellung wartet mit zahlreichen Handschriften, Drucken und Gemälden aus dem eigenen Archiv auf und ist noch bis zum 26. Februar 2012 zu sehen. Öffnungszeiten:  Montag bis Samstag 10-18 Uhr, Sonn- und Feiertage 11-18 Uhr (bis 31. Oktober); Montag bis Samstag 10-17 Uhr, Sonn- und Feiertage 11-17 Uhr (1. November bis 31. März). Mehr unter www.beethoven-haus-bonn.de.

Projekt: Kantor betritt Neuland

Stefan Mohr dirigiert “King Arthur” in Toulouse  

"King Arthur" bei "Eurochorus 2011": Projektchor, Solisten und das "Orchestre chambre de Toulouse" unter Leitung von Stefan Mohr bei der Generalprobe. Foto: privat

 TOULOUSE. Messe, Kantate, Oratorium: tägliches Brot für einen Kirchenmusiker. Da kann ein bisschen Abwechslung nicht schaden. Stefan Mohr, Kantor an der Bonner Stiftskirche, nutzte die Sommerpause, um über den Tellerrand zu schauen. Er folgte einer Einladung zum Chorfestival „Eurochorus“ in Toulouse und dirigierte dort eine konzertante Aufführung von Henry Purcells Semi-Oper „King Arthur“. Eine „tolle Erfahrung“, so die Bilanz des Kantors, der erstmals eine Oper einstudierte. Beeindruckt war er vom Niveau des „Orchestre chambre de Toulouse“, das auf historischen Instrumenten spielte. Die zehntätige Probenphase war aber vor allem der Arbeit mit dem rund 130-köpfigen Chor gewidmet, der sich aus Sängern überwiegend aus Frankreich, aber auch aus anderen europäischen Ländern zusammensetzte. Mit diesem massigen Ensemble einen barocken, schlanken Klang und ein federndes, wortorientiertes Singen zu erzielen, „war ein hartes Stück Arbeit“, bekannte Mohr.   Continue reading Projekt: Kantor betritt Neuland →

Neue Noten: “Meisterwerke von Humor, Phantasie und Grazie”

Bonner Musikforscher bringt Werke von Johann Vesque von Püttlingen heraus  
 

Jurist, Komponist und Heine-Verehrer - Johann Vesque von Püttlingen. Foto: privat

  Sollte ein Arzt nicht nach seinem Erfolg bezahlt werden, sprich: wenn sein Patient genesen ist? Eine Frage, die in Verbindung mit der Diskussion um Kostensenkung im Gesundheitswesen immer wieder auftaucht. Vor diesem Hintergrund erhält – mit leichtem Augenzwinkern – eine kleine musikalische Szene Aktualität, die den Titel „Der Doktor und der Patient“ trägt. Komponiert hat sie Baron Johann Vesque von Püttlingen, Geheimrat im  Wien des 19. Jahrhunderts und einer der führenden Juristen seiner Zeit. Als bahnbrechend galt seine Schrift über „Das musikalische Autorrecht“ aus dem Jahre 1864. Nebenbei galt Püttlingens Liebe der Musik. Er schrieb nicht weniger als 300 Lieder, viele davon auf Texte von Heinrich Heine, 9 Opern, zwei Messen, vier (verschollene) Streichquartette und diverse Klavierstücke. Hector Berlioz beurteilte die Lieder als „Meisterwerke von Humor, Phantasie und Grazie“.   

Einer der besten Kenner des Oeuvres von Püttlingen ist der Bonner Jurist Martin Wiemer, der bereits zahlreiche Werke Püttlingens herausgegeben hat. In vier Auswahlbänden (bei der Edition Walhall, Infos unter www.edition-walhall.de) publizierte er 54 Lieder, vor kurzem brachte er (beim Magdburger Verlag  LMM publishing and records, mehr unter www.l-m-m.de ) die „Missa in D“ heraus, die 1845 in der Wiener Hofkapelle uraufgeführt wurde, sowie die oben genannte Szene „Der Doktor und der Patient“, ein „komisches Duett“ für zwei Bässe und Klavier. Püttlingen widmete es den „Herren Gottfried Reggla und Peter Lugano“, heute würde er es vielleicht Gesundheitsminister Daniel Bahr zueignen. mnz